BiRPO-Hub: Man weiß ja so wenig

Henning Plagemann: Eine interessante Reaktion auf unseren ersten Artikel war die Frage ‚Warum braucht es überhaupt eine Berichterstattung?‘. Auf unsere Motivation wollen wir heute ein wenig näher eingehen. Als Digitalist habe ich den Artikel auch in die sozialen Medien gebracht, worauf der BiPRO e.V. mit einem Veranstaltungshinweis auf den BiPRO-Tag geantwortet hat, den wir ausdrücklich unterstützen. Und du, mein lieber Freund, wurdest in einem Kommentar sogar als innovationsfeindlich bezeichnet. Darf ich um eine Stellungnahme bitten!

„Der Verein ist in der größten Transformation seit seiner Gründung"

Guido Nippe
Brockhaus AG

Michael Trosien: Es geht ja primär gar nicht um den Hub, darüber wissen wir viel zu wenig und vor allem nur aus zweiter Hand. Es geht um die Art und Weise der Kommunikation. Das war meine Kritik, die ich unaufgeregt subtil anbringen wollte: Als BiPRO-Mitglied habe ich bisher keine offizielle Informationen. Und ich halte es keineswegs für innovationsfeindlich, wenn man sachlich das Pro und Contra auf Basis des vorhandenen Wissens diskutiert. Offensichtlich scheint der kommentierende Nutzer mehr über den Hub zu wissen als ich.

HP: Wir haben uns auf jeden Fall um Wissen bemüht und haben Unternehmen und Protagonisten direkt angesprochen. Wir können die Reaktionen der Gesprächspartner in drei Kategorien unterteilen: Überraschung bei denen, die noch nichts davon gehört bzw. nur den Begriff aufgeschnappt haben. Unverständnis bei denen, die offenbar schon an der Pilotierung und Konzeption beteiligt sind. Und Schweigen auf konkrete Fragen, u.a. vom Verein selbst.

MT: Ich habe dazu die BiPRO-Seiten durchsucht und ganz einfach nach dem BiPRO-Hub gegoogelt. Sehr überrascht war ich zu sehen, dass ein Versicherer bereits 2020 ein Projekt zur Neuentwicklung des Backends für den BiPRO-Hub initiiert hat. Es gibt schon einen Berater im Markt, der konkret mit der BiPRO-Hub Referenz für sich wirbt, übrigens kein BiPRO-Mitglied. Das wirft Fragen auf, die haben wir gestellt und sind wegen des Ergebnisses ein wenig ernüchtert.

HP: Einer, der sogar mit offenem Visier mit uns gesprochen hat, ist Guido Nippe von der Brockhaus AG. Wir wollten seine Einschätzung zum BiPRO-Hub hören:

Die eventuelle Konkurrenz des Geschäftsmodells vom BiPRO-Hub bereitet mir für uns ehrlich gesagt keine Sorgen. Wir kooperieren schon jetzt mit einem Partner, der uns die Bereitstellung und Versionierung der BiPRO Endpunkte in der Cloud abnimmt. Meine Bedenken gehen in eine andere Richtung:

Der BIPRO e.V. ist gerade in einer der größten Transformation seit seiner Gründung. Mit RNext werden nicht nur neue Normen umgesetzt und die darunter liegende Technik erneuert.  Der gesamte Normierungsprozess wird erneuert. Ebenfalls wird noch daran gearbeitet, wie der Verein zukünftig seine Finanzierung sicherstellen möchte. Ich bin mir daher nicht sicher, ob für die Einführung eines weiteren neuen Geschäftsmodells, dessen Ausmaß zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand abschätzen kann, der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
 
Guido Nippe, Brockhaus AG

HP: Zum Thema Finanzierung passt die Anmerkung eines Ausschussmitgliedes. Wie viele weitere unserer Gesprächspartner war er genauso auskunftsfreudig wie öffentlichkeitsscheu:

Mir fällt seit einiger Zeit verstärkt auf, dass bei sämtlichen Aktivitäten des Vereins die Monetarisierung sehr stark in den Vordergrund rückt. Dieses Vorgehen sehe ich kritisch vor dem Hintergrund, dass der Erfolg der Normenentwicklung in der letzten Dekade meiner Wahrnehmung nach sehr stark auf dem persönlichem Engagement der Mitglieder basierte.

Wenn der BiPRO e.V. jetzt sogar als Konkurrent zu bestehenden Geschäftsmodellen dieser BiPRO-Enthusiasten auftritt, denen damit vors Schienbein tritt und diese Entwicklung mutmaßlich mit Mitgliedsbeiträgen finanziert wird, dann sehe ich die Basis des gemeinsamen Vereinslebens als schwierig an.

Ein BiPRO Ausschussmitglied

MT: Er sorgt sich um die Beiträge. Aber es heißt ja, das durch die am BiPRO-Hub-Projekt teilnehmenden Versicherungsgesellschaften die Finanzierung der Service-GmbH gewährleistet sei. Vielleicht ist die Frage nicht ganz unberechtigt: Bezieht sich die durch die Versicherer bereitgestellte Finanzierung nur auf das Umsetzungsprojekt? Die Projektvorplanungen laufen ja schon ein paar "Tage" länger.

HP: Und die Service-GmbH läuft noch länger, die ursprünglich "zur Gefahrenabwehr von Steuerproblematiken" ins Leben gerufen wurde. Auf der Mitgliederversammlung 2020 wurde ausdrücklich und "allen Gerüchten zum Trotz" festgestellt, dass "keineswegs damit der Weg eröffnet werden solle, Dienstleistungen jedweder Art zu erbringen." Aber sehen wir darüber hinweg, wir wollen an das gemeinsame große Ganze denken. Und in die kleinen Details hat sich ein weiterer Experte hineingedacht, der als Softwaredienstleister ebenfalls von Beginn an dabei ist:

Der BiPRO-Hub soll eine zentrale Stelle zwischen den Provider-Systemen und den Consumer-Anbindungen werden, ein Durchlauferhitzer, der Versionsinkompatibilitäten heilt. Meine These: Für TAA-Anbindungen ist das vollkommen utopisch. Die Individualitäten der Versicherer sind es, die eine Anbindung abstimmungsintensiv machen. Als Externer muss man sich ja auch erst einmal intensiv einarbeiten. Wie will denn eine zentrale Stelle das für sämtliche angebundene Versicherer übernehmen?

Jetzt bietet der Hub zum Start einen 430.4 Service für Hausrat und Kfz. Aber was ist dem Consumer mit zwei Sparten denn geholfen? Gar nichts, im Gegenteil: Der Hub ist zunächst nur ein weiterer Provider, den er anbinden muss. Und dann muss auf seiner Seite zusätzlich differenzieren, was über welchen Kanal reinkommt, da der Hub zu Beginn ja nur wenig fachlichen Umfang bietet. Und werfen wir einen Blick auf den 430.4 Case: Was bedeutet das denn? Der Versicherer schickt Dokumente und Geschäftsvorfälle über die Leitung. Die IT-Abteilung des Versicherers hat dafür 20 Zeilen Code generiert, der wirkliche Aufwand entfällt auf die Beschaffung und Klassifizierung der Dokumente sowie das Analysieren und Bereitstellen von Geschäftsprozessen. Wenn das erfolgt ist, stellt man den Zugang bereit und übergibt dem Consumer eine Dokumentation, wie das anzubinden ist. Ich kann nicht erkennen, was der Hub an dieser Praxis ändert.

HP: Moment, nach meinem Verständnis kommt hier der Hub ins Spiel, weil er für die Consumer eine Erleichterung darstellt - es sollen ja auch die Consumer gewesen sein, die die Idee des Hubs überhaupt erst entwickelt und in die BiPRO eingebracht haben. Dieser Hub bündelt also alle VU-Services nach außen und die Consumer, also insbesondere die Pools und MVP-Hersteller, müssen nur noch diesen einen Endpoint anbinden. Davon versprechen sie sich eine massive Aufwandreduzierung durch geringeren Personalaufwand.

Denken wir das also mal weiter:
Die Consumer binden also bipro.net/wsdl statt apfelsinia.de/wsdl an, sehr gut. Weiter: Es gibt einen Fehler in der Kategorisierung, es gibt Probleme mit den Inhalten, es gibt Beschwerden über den Dokumentenschnitt, über die Aktualität der Nettodaten oder gar fehlende Daten. Der Consumer, nein, schlimmer: Der Makler greift zum Hörer und ruft wen an? Den BiPRO-Hub? Wenn er die Apfelsinia anruft, geben sie ihm zum einen die gewünschte Information, die sie in ihrem Bestandssystem sehen können und im Idealfall reichen sie ihn an das BiPRO-Team weiter, die dann den Fehler im Service bzw. der Kategorisierung analysieren.

Es ist ein Irrglaube, dass wir alles komplett automatisieren können. Wir brauchen nach wie vor die Fachbereiche, die Unzulänglichkeiten in den Daten durch einen Blick in den juristischen Bestand schnell und direkt beheben. Und Techniker, die den Service entsprechend verbessern. Da hilft mir kein Hub.
 
Ein Hersteller von BiPRO-Software

Der BiPRO e.V. gibt sich kalt: Keine Antwort auf unsere Anfrage zum BiPRO-Hub.

MT: Ergänzend frage ich mich aus einem ganz konkreten Projektumfeld heraus: Wenn sich der Bedarf nach Anpassungen am Service ergibt, z.B. an einer VU-individuellen Erweiterung im Datenmodell, dann sind nach meinem Verständnis künftig drei Beteiligte einzubinden: Provider, Consumer und der Hub. Da stellt sich mir die Frage, ob der BiPRO-Hub auch mit einem konkreten Re-Design der fachlichen Normen einhergehen soll oder müsste.

HP: Wir wissen nicht, wer den Hub für den BiPRO e.V. realisiert, die Ausschreibungsunterlagen sind ja noch nicht raus. Harren wir uns also noch ein wenig in Geduld, bis zum MVP-Start im Herbst ist ja noch viel Zeit. Und mit MVP ist das 'minimum viable product' gemeint und nicht etwa ein MVP-System. Wo wir bei Fremdwörtern sind: Wie bewandert bist du in der griechischen Mythologie?

MT: Du meinst so etwas wie Prometheus und Zeus?

HP: Ich freue mich auf den dritten Teil. Und natürlich auf den BiPRO-Tag, ich muss mir noch schnell ein Zimmer buchen.

Im dritten Teil, rechtzeitig vor dem BiPRO-Tag in Neuss, wollen wir noch ein wenig tiefer in die Vergangenheit der BiPRO-Welt eintauchen. Als Empfänger unseres Newsletters bleiben Sie stets informiert.


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