Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Bevor wir eintauchen, ein Blick über den Tellerrand, denn diese Woche schreibt gleich an mehreren Fronten Schlagzeilen. In Berlin hat sich die Koalition auf ein umfangreiches Reformpaket geeinigt, das heute ausführlich durch die Berichterstattung geht: Von steuerlichen Entlastungen bis zur angekündigten Umsetzung der Rentenkommission bis Ende 2026. Manches davon wird uns in den kommenden Wochen noch intensiv beschäftigen. Und dann war da noch der Fußball. Deutschland ist bei der WM bereits im Sechzehntelfinale an Paraguay gescheitert und heute Morgen hat Julian Nagelsmann als Bundestrainer hingeworfen. Als heißer Nachfolgekandidat wird Jürgen Klopp gehandelt. Man muss kein Fußballromantiker sein, um zu ahnen, dass diese Personalie mehr Emotionen weckt als so manche Rentenreform.
Die 27. Kalenderwoche hatte von der aktuariellen Grundlagenarbeit bis zum offenen Systemstreit einiges im Gepäck. Schnallen wir uns an.
Neue Sterbetafel: Das unscheinbare Fundament
Die BaFin hat die PKV-Sterbetafel 2027 vorgelegt. Eine unaufgeregte Meldung und doch lohnt der zweite Blick: Die Sterbewahrscheinlichkeiten weichen nur marginal von den Werten für 2026 ab, eine automatische Beitragsanpassung folgt daraus ausdrücklich nicht.
Für mich ist das die eigentliche Botschaft. Während anderswo über Pleiten und Systemwechsel gesprochen wird, arbeitet hier eine Branche geräuschlos an dem, was sie ausmacht: Verlässliche, nachvollziehbare, sauber kalkulierte Grundlagen, geprüft von einem unabhängigen Treuhänder. Genau das ist der Unterschied zwischen einem seriösen Versicherungsversprechen und einem politischen: Das eine wird gerechnet und kontrolliert, das andere gehofft. Wer die PKV erklärt, sollte diesen unspektakulären Mechanismus im Werkzeugkasten haben.
Bäte ruft das Ende der Party aus
Ein Paukenschlag. Allianz-Chef Oliver Bäte hält das Umlagesystem der GKV für dauerhaft nicht finanzierbar und fordert mehr Kapitaldeckung nach dem Vorbild der PKV. Die Gesundheitsausgaben haben sich in 25 Jahren fast verdreifacht, auf rund 600 Milliarden Euro.
Sie kennen meine Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, den Systemstreit politisch zu entscheiden. Aber ein Gedanke verdient Beachtung. Bäte will, dass es einen Unterschied macht, ob jemand zur Vorsorge geht, Anreiz statt Zwang. Man muss das nicht in jeder Konsequenz teilen, zumal ein Kapitalstock nur so verlässlich ist wie sein Schutz vor politischem Zugriff, siehe Pflegevorsorgefonds. Aber die Richtung führt zu einer Frage, die auch unsere Beratung betrifft: Risikomanagement endet nicht mit dem Vertrag. Manchmal ist der wertvollste Hinweis nicht der passende Vertrag, sondern der Satz über die Bedingung hinaus, der Blick auf Prävention und das eigene Verhalten. Wenn wir beanspruchen, Risiken zu managen, gehört zur ehrlichen Ansprache auch, dass der beste Schaden der ist, der nie eintritt.
Beitragstreue über Jahrzehnte: Wir liefern
Dass die Branche liefert, belegt eine Nachricht, die fast untergeht. Infinma hat die Beitragsstabilität in der BU-Versicherung untersucht: 36 von knapp 50 Gesellschaften halten seit über zwanzig Jahren die Überschussbeteiligung, mehrere haben ihre SBU-Prämien nach eigenen Angaben noch nie angepasst.
Man darf über die Methodik streiten, sie beruht auf Selbstauskunft, und Franke & Bornberg hat pointiert angemerkt, die Versicherer stellten sich das Zertifikat damit faktisch selbst aus. Geschenkt. Der Kern bleibt: Gut kalkuliert, im Kollektiv ausgeglichen, über Jahrzehnte gehalten, und das weitgehend unabhängig von politischen Einflüssen. Das ist die Versicherungsaufgabe in Reinform.
Und wenn es doch einmal nicht gelingt, ein Bestand in Schieflage gerät, Prämien steigen, Bedingungen sich verengen? Dann muss der Makler reagieren und für sich und den Kunden neue Partner suchen. Sie wissen, wer dabei hilft. Das Team von PolicenTransfer hat Expertenwissen..
Wohngebäude bleibt Sorgenkind
Dass uns die Arbeit nicht ausgeht, unterstreicht der Marktausblick von Assekurata. Die Schaden- und Unfallversicherer haben 2025 den Turnaround geschafft, vor allem dank kräftiger Beitragsanpassungen und eines ruhigen Naturgefahrenjahres, von Entspannung aber keine Rede. Die Wohngebäudeversicherung bleibt das Sorgenkind: Steigende Baupreise und höhere Handwerkerkosten bei immer älteren Gebäuden. Für die Beratung gilt, was hier schon stand: Bedingungsabgleich und Werteanpassung gehören in jedes Jahresgespräch.
Neobroker gegen Lebensversicherer: Die eigentliche Zäsur
Und dann das Thema, das die Branche wirklich umtreibt. Mit dem Altersvorsorgedepot verlagert sich ab 2027 der Wettbewerb, in der Ansparphase ähnelt das Modell dem der Neobroker. AssCompact fragt, ob die Versicherer zu zurückhaltend agieren, während die Investmenthäuser schon Plattformen aufbauen. Die Einschätzung ist beruhigend nüchtern: Die Zurückhaltung ist strategisch, niemand will der Erste sein, ein breites Angebot kommt. In Produkt und Vertrieb wird mit voller Kraft gearbeitet und genau auf die neue Konkurrenz geschaut.
Ich halte das für die eigentliche Zäsur, und zwar aus einem einfachen Grund: Altersvorsorge bedeutet am Ende Rente, und Verrentung bedeutet Lebensversicherung. Beim Langlebigkeitsrisiko, bei lebenslangen Renten und den steuerlichen Gestaltungen kommt man an der Assekuranz schwer vorbei. Deshalb schließe ich mich dem Satz aus dem Vanguard-Interview an: Versicherungen werden nicht verschwinden. Aber, das ABER von mir, anpassen werden wir uns alle müssen. Wer weiter allein von der einmaligen Abschlussvergütung lebt, sollte die Reform als Weckruf verstehen.
Keine Scheu vor der Werkbank
Eine Meldung hat mich dann doch irritiert. Eine Umfrage zeigt, dass viele Vermittler selten bis nie KI nutzen, in der Ausschließlichkeit greift nur rund ein Drittel häufig darauf zurück, mit gewaltigem Generationenunterschied.
Das verträgt sich schlecht mit dem Anspruch, Kunden optimal zu beraten. Unsere Welt besteht aus Gesetzen, Bedingungen und laufender Rechtsprechung, dazu eine unendliche Produktvielfalt. Genau hier hilft KI, den Überblick zu behalten, sich weiterzubilden und sich zielgerichtet an Interessenten zu wenden. Sie ersetzt keine Urteilskraft, aber sie nicht zu nutzen ist keine Vorsicht, sondern ein Wettbewerbsnachteil. Nur keine Scheu vor neuer Technologie. Es will ja auch niemand zu den Tarifbüchern von früher zurück.
Wochenende
Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Die Privatversicherung steht für Verlässlichkeit, die Beitragstreue für erfüllte Aufgabe, der Ruf nach Kapitaldeckung für ein wankendes System, das Altersvorsorgedepot für die Zäsur, an die wir uns anpassen müssen. Was bleibt, ist keine Katastrophe, sondern ein Auftrag.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



Verfassen Sie den ersten Kommentar