Brüß kommentiert: Die 33. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,

willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Die 33. Kalenderwoche hatte von der Aufsichtsstatistik bis zum handfesten Handwerk am Bedingungswerk einiges im Gepäck. Und über allem stand für mich ein Gedanke: Kennzahlen sind schnell gelesen und schnell falsch verstanden. Schnallen wir uns an.

Bafin-Beschwerden: Eine Momentaufnahme, kein Urteil

Beginnen wir mit einer Statistik, die jedes Jahr für Aufregung sorgt. Die Bafin hat 2025 rund 3.630 Beschwerden über private Krankenversicherer abschließend bearbeitet, dreieinhalb Mal so viele wie im Jahr zuvor, wobei drei Viertel des Anstiegs auf einen Sonderfaktor entfallen. Marktweit sind das knapp acht Beanstandungen je 100.000 Versicherte. Unter den Marktgrößen liegt nur die Axa mit 9,9 über dem Durchschnitt, am unteren Ende stehen R+V und die Hanse Merkur. Bei der Barmenia und der Hanse Merkur hat sich die Zahl mehr als verdreifacht.

Bevor jetzt jemand die Tabelle ausdruckt und ins Beratungsgespräch mitnimmt: Die Aufsicht selbst weist auf die begrenzte Aussagekraft hin. Ob eine Beschwerde berechtigt war, sagt die Statistik nicht, zudem werden wachsende Anbieter durch die Bezugsgröße systematisch benachteiligt. Ausreißer nach oben sind ein Hinweis, kein Beweis. Genau das ist die Kunst unseres Berufs: Eine Zahl zur Kenntnis nehmen, ohne ihr mehr Bedeutung zu geben, als sie verdient.

Abschlusskosten: Investition oder Verschwendung?

Dazu passt die zweite Auswertung der Woche wie der Deckel auf den Topf. Zwischen 2,8 und 26,9 Prozent der verdienten Bruttobeiträge haben die privaten Krankenversicherer 2025 für Abschlussaufwendungen ausgegeben. Am günstigsten kaufen Huk-Coburg, LKH und Debeka ihr Neugeschäft ein, am oberen Ende steht die junge und wachstumsstarke Ottonova.

Auch hier gilt: Wer nur die Rangliste liest, liest falsch. Der Map-Report hat es zutreffend eingeordnet. Hohes Wachstum kostet nun einmal Geld und Abschlusskosten sind zu einem guten Teil eine Investition in die Zukunft des Bestands. Ein Versicherer, der nichts mehr investiert, hat kein Kostenproblem, sondern ein Bestandsproblem. Das ABER von mir: Ein dauerhaft zweistelliger Satz muss sich irgendwann in der Beitragsentwicklung wiederfinden. Beides gehört zusammen betrachtet. Vor vier Wochen habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass wir den Vergleich der Verwaltungskosten nicht scheuen müssen. Bei den Abschlusskosten gilt dasselbe, wenn wir sie erklären können.

Wohngebäude: Wohin die Makler ihr Geschäft tragen

Die Asscompact-Marktstudie zeigt, an welche Anbieter der unabhängige Vermittlermarkt sein Wohngebäudegeschäft liefert. Zum zwölften Mal in Folge führt die Domcura, mit 43 Punkten Abstand auf die VHV, dahinter die Dema. Kräftig nach oben ging es für die GEV, deutlich nach unten für die Alte Leipziger, die vor zwei Jahren noch Silber holte.

Bemerkenswert finde ich, wer hier vorne steht: Assekuradeure und Spezialkonzeptgeber, nicht die großen Namen. In einer Sparte, die seit Jahren als Sorgenkind gilt, entscheiden Bedingungswerk, Annahmepolitik und Handwerk in der Zeichnung, nicht das Logo. Wer als Makler seine Gebäudeverträge über Jahre bei einem Anbieter gebündelt hat, sollte sich fragen, ob diese Entscheidung noch zur heutigen Marktlage passt.

Bedingungsabgleich und Werteanpassung gehören in jedes Jahresgespräch, das schrieb ich hier schon mehrfach. Und wenn der prüfende Blick ergibt, dass ein Risiko woanders besser aufgehoben ist, dann wird umgedeckt, mit Beratung und Dokumentation. Sie ahnen es: Dabei hilft PolicenTransfer. So, jetzt ist es wieder raus.

KI im Maklerbüro: 40 Seiten in einer Minute

Der Kölner Makler Marc Mauracher berichtet, wie ein KI-Assistent ihm die Bedingungsprüfung abnimmt, inklusive Fundstellenangabe und Halluzinationskontrolle durch einen zweiten Agenten. Bis zu 40 Minuten pro Fall spart er, die Abschlussquote habe sich verdreifacht. Als Nächstes will der Anbieter systematisch Deckungslücken im Bestand aufspüren.

Ich habe hier vor Wochen geschrieben, dass die Scheu vor der Technologie kein Vorsichtsargument ist, sondern ein Wettbewerbsnachteil. Dieser Fall belegt es. Entscheidend ist aber ein Satz von Herrn Mauracher, den ich unterstreichen möchte: Er prüft jede E-Mail, bevor sie rausgeht. Kann die KI Fehler machen? Ja. Kann er Fehler machen? Auch ja. Die Haftung bleibt beim Makler und das vollständig. Wer das verstanden hat, kann diese Werkzeuge mit gutem Gewissen nutzen. Nebenbei: Die Veredelung des eigenen Bestands wird damit vom Projekt zur Routine. Ein sauber geführter Bestand war schon immer der bessere Bestand, jetzt gibt es endlich das Werkzeug dazu.

Schüler-BU: Eine Preisentscheidung über 57 Jahre

Guido Lehberg hat einen Marktüberblick zur Berufsunfähigkeitsversicherung für Schüler vorgelegt. Sechs Prüfkriterien, von der Schülerklausel über den Übergang in Ausbildung und Studium bis zur Nachversicherungsgarantie. Der entscheidende Unterschied hängt dort an einem einzigen Wort: Verzichtet der Versicherer nur auf die Gesundheitsprüfung oder auf die vollständige Risikoprüfung? Im ersten Fall wird der spätere Dachdecker bei jeder Erhöhung neu eingestuft, im zweiten bleibt der günstige Schülerbeitrag.

Die Zahlen sind eindrucksvoll. Eine 20-jährige Krankenschwester zahlt für 2.000 Euro BU-Rente rund 250 Euro im Monat, der hochgerechnete Schülerbeitrag liegt bei maximal etwa 100 Euro. Wer sein Kind früh versichert, trifft also weniger eine Vorsorge- als eine Preisentscheidung. Und er sichert den Gesundheitszustand von heute für ein halbes Jahrhundert.

Ein Vertrag über 57 Jahre ist übrigens genau die Art von Geschäft, die diesen Beruf ausmacht. Kein Algorithmus der Welt bringt Eltern von allein auf diesen Gedanken. Dafür sorgt ein Berater, der die richtigen Fragen stellt.

Teilrente: Das unterschätzte Instrument

Die Stiftung Warentest erklärt, wann eine Teilrente sinnvoll ist. Wer mit Abschlägen vorzeitig in Rente geht und weiterarbeitet, trägt den Abschlag lebenslang nur auf den bezogenen Teil. Wer Angehörige nicht erwerbsmäßig pflegt, erwirbt als Teilrentner weiter Ansprüche, als Vollrentner hingegen nicht. Wählbar sind 10 bis 99,9 Prozent. Und ab 2027 ändert sich beim Krankengeld etwas: Anspruch besteht dann nur noch, wenn die Teilrente unter zwei Dritteln der Vollrente bleibt.

Genau solche Details meine ich, wenn ich diesen Beruf für einen der anspruchsvollsten halte. Die Teilrente steht in keinem Produktflyer, sie bringt keine Courtage, und trotzdem gehört sie ins Repertoire. Wer den Kunden auf diese Möglichkeit hinweist, verkauft nichts und gewinnt alles: Vertrauen.

Rente mit 63: Die Mehrheit will sie behalten

Zum Schluss die Zahl, die politisch für Bewegung sorgen dürfte. 68 Prozent der Befragten lehnen laut Insa die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ab, nur 24 Prozent befürworten sie. 56 Prozent wollen selbst davon Gebrauch machen oder haben es bereits getan. Und 77 Prozent sind mit der Rentenpolitik der Bundesregierung unzufrieden. Gewerkschaften und ostdeutsche Ministerpräsidenten laufen Sturm.

Sie kennen meine Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, eine solche Reform politisch zu bewerten. Aber eines lässt sich nüchtern feststellen. Wenn eine beschlossene Maßnahme von zwei Dritteln der Bevölkerung abgelehnt wird und die eigene Koalition anfängt, an ihr zu rütteln, dann wissen wir, was daraus wird: Verhandlungsmasse. Genau das ist der Unterschied, den ich hier seit Wochen betone. Ein politisches Versprechen wird ausgehandelt, ein privater Vertrag wird geschlossen. Das eine kann sich ändern, während der Kunde schon danach plant. Das andere gilt bis zum Ende.

In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

 

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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