Brüß kommentiert: Die 42. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,
willkommen zum Wochenrückblick aus der Welt der Versicherungen. Letzte Woche ging es ums Verteilen, heute geht es ums Absichern. Und um die unangenehme Erkenntnis, dass man manches Risiko erst bemerkt, wenn der Kühlschrank auftaut.

Cyber: Weicher Markt, harte Schäden

Der Cybermarkt hat sich entspannt. Es gibt wieder genug Angebote zu vernünftigen Preisen, vorausgesetzt, der Kunde hat belastbare IT-Sicherheit, getestete Notfallpläne und saubere Risikoinformationen. Die Schadenmeldungen liegen rund 17 Prozent über Vorjahr, Großschäden gibt es dank besserer Prävention weniger. Die Kosten pro Schaden haben sich aber mindestens verdoppelt. Neu ist das Werkzeug der Täter: Mit KI gefälschte Stimmen und Gesichter in Videokonferenzen machen aus dem guten alten Fake-President-Betrug eine Hollywood-Produktion. Wer nur die Cyberpolice prüft und die Vertrauensschadenversicherung vergisst, hat eine Lücke im Bestand. Die Abgrenzung zwischen Cyber, Crime und Vertrauensschaden ist keine Fleißarbeit, sie ist Kernaufgabe.

Wie real das ist, zeigt Frankreich. Hacker haben über einen dänischen Softwaredienstleister die Kühlanlagen von rund 150 Supermärkten einer Handelsgruppe in den Auftaumodus geschaltet. Ware muss vernichtet werden, Schaden in Millionenhöhe, und der Händler teilt mit, solche Vorfälle seien nicht versichert. Das ist der Satz, den kein Gewerbekunde von seinem Makler hören möchte. Risiken über IT-Dienstleister gehören in jedes Gespräch, gerade beim Mittelständler, der glaubt, er sei zu klein für Hacker.

Auch auf Anbieterseite wird sortiert. Neue spezialisierte Zeichner kommen, Assekuradeure ziehen sich zurück, die Allianz verlagert ihr Cyber-Neugeschäft auf Coalition, Zurich will mit Beazley zum größten Cyberversicherer der Welt werden. Für Makler heißt das: Bestände prüfen, bevor der Risikoträger es tut.

Versorgungswerke: Pflichtbeiträge auf Abenteuerreise

Berufsständische Versorgungswerke verwalten rund 300 Milliarden Euro für 1,2 Millionen Ärzte, Anwälte und Architekten. Manche legen das Geld an, als gäbe es kein Morgen. Die hessischen Rechtsanwälte schreiben rund 58 Millionen Euro für die Sanierung eines Büroturms in San Francisco ab, die Bayerische Versorgungskammer für dasselbe Projekt bislang rund 160 Millionen. Die Berliner Zahnärzte haben mit Luxushotels und einer Garnelenzucht mehr als eine Milliarde versenkt, gut die Hälfte des Kapitals. Garnelen. Ich habe in meiner Konzernzeit viele Anlageausschüsse erlebt, eine Shrimpsfarm wurde jedoch nie vorgeschlagen.

Der ernste Kern: 76 von 92 Versorgungswerken legen ihren Geschäftsbericht nicht vollständig offen, eine Pflicht dazu gibt es nicht. In den Gremien fehlt oft Kapitalmarkterfahrung, dafür gibt es gelegentlich zu viel Nähe zu Anbietern. Jeder Lebensversicherer muss sich von Aufsicht und Ratingagenturen auf die Finger schauen lassen. Wer Pflichtbeiträge verwaltet, sollte nicht weniger transparent sein. Den 11.000 Berliner Zahnärzten drohen Rentenkürzungen von mehreren hundert Euro im Monat. Wer Freiberufler berät, hat hier einen Gesprächsanlass, der leider keine Theorie ist.

Riester: Das Rennen läuft jetzt

Letzte Woche ging es um die rund 49 Milliarden Euro, die aus Riester-Rentenversicherungen abfließen könnten. Diese Woche wurde nachgerechnet, was das für die Bilanzen heißt. Insgesamt könnten bis zu 64,8 Milliarden in Bewegung geraten. Der Wechsel ist bewusst billig gemacht: Alter und neuer Anbieter dürfen je höchstens 150 Euro verlangen, nach fünf Jahren Vertragslaufzeit muss der Übertrag kostenfrei sein. Für die meisten Riester-Kunden ist das Tor also weit offen. Das Kapital steckt aber in langlaufenden Anleihen aus der Niedrigzinsphase, branchenweit lasten darauf rund 100 Milliarden Euro stille Lasten. Solange man hält, kein Problem. Wer verkaufen muss, um Wechsler auszuzahlen, realisiert Verluste, und die tragen am Ende die Treuen im Kollektiv.

Das neue LV-Unternehmensrating bestätigt das Bild: Die Branche steht stabil, alle 60 bewerteten Gesellschaften erfüllen die Solvenzanforderungen ohne Übergangsmaßnahmen, 15 erhalten fünf Sterne. Aber die Bewertungsreservequote fällt von minus 6,5 auf minus 9,0 Prozent, die Stornoquote steigt seit 2021 kontinuierlich auf zuletzt 4,9 Prozent. Und das neue Gesetz ist noch nicht einmal in Kraft.

Wechseln ist trotzdem nicht automatisch richtig. Ein Vertrag mit 3,25 Prozent Garantiezins ist heute Gold wert, Wechselkandidaten sind eher die Jahrgänge 2012 bis 2022. Und ein Argument gehört in jede Beratung: Ein Depot kann einen Auszahlplan bis 85 darstellen, das Langlebigkeitsrisiko trägt nur ein Versicherer. Die Neobroker führen schon Wartelisten. Wer seine Kunden jetzt nicht anruft, erfährt 2027 aus der App, dass sie weg sind.

Käufer stehen Schlange

Im dritten Quartal gab es im deutschsprachigen Raum 17 Transaktionen unter Vermittlern. Die schwedische Max Matthiessen steigt mehrheitlich bei Invers mit über 3.000 angebundenen Vermittlern ein und will dort auch Bestände von Unternehmern übernehmen, die in den Ruhestand gehen. Charta und Germanbroker.net bündeln ihre Kräfte, ein gutes Zeichen dafür, dass maklernahe Strukturen sich aus eigener Stärke aufstellen. Und die Ergo trennt sich von der ehemaligen HMI, heute Ergo Pro. Sie geht mehrheitlich an eine britisch finanzierte Vertriebsplattform und heißt künftig One Financial Services. Ergo bleibt exklusiver Produktpartner in Leben. Als ehemaliger Vertriebsvorstand weiß ich, wie schwer solche Entscheidungen fallen. Produktion und Vertrieb entflechten sich und das wird nicht der letzte Fall sein.

Für verkaufswillige Inhaber ist das eine gute Nachricht: Mehr Bieter heißt bessere Verhandlungsposition. Wo früher oft nur ein Pool oder der eigene Hauptversicherer als Käufer infrage kam, konkurrieren heute internationale Gruppen, Investoren und Plattformen um dieselben Bestände. Das treibt nicht nur den Preis, sondern auch die Konditionen: Ob der Inhaber an Bord bleibt, eine Beteiligung behält oder selbst bestimmt, in wessen Hände seine Kunden gehen. Bezahlt werden Spezialwissen, Vertriebszugang und Technologie, oft bleiben die bisherigen Inhaber an Bord. Wer verkaufen will, sollte allerdings wissen, was er hat. Ein sauber digitalisierter Bestand ist mehr wert als ein Karteikasten.

Fahrerschutz für 40 Euro

Zum Schluss ein Podcast, der mir Freude gemacht hat. Ein Maklerbetreuer der R+V erklärt dort, warum Disziplin wichtiger ist als Motivation und LinkedIn wirksamer als jede Produktfolie. Nebenbei gesteht einer der Gastgeber, nicht zu wissen, was ein Fahrerschutz ist. Kurz: Wer selbstverschuldet verunglückt, steht ohne eigenen Schutz da, während Insassen und Auto versichert sind. Kostenpunkt bei manchen Versicherern rund 40 Euro im Jahr. Die Abschlussquote müsste gegen 100 Prozent gehen, wer ihn nicht anbietet, riskiert die Maklerhaftung. Wer deshalb ohnehin seinen Kfz-Bestand anfasst, kann ihn gleich dorthin bringen, wo Preis und Leistung stimmen. Dafür gibt es PolicenTransfer. So, jetzt ist es wieder raus.

Und auf die Frage nach einem KI-Klon antwortete der Gast trocken: Welche KI geht mit mir laufen? Recht hat er. Die Maschine kann uns vieles abnehmen, den Anruf beim Riester-Kunden und das Gespräch über den Fahrerschutz aber nicht.

In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

 

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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