Meine Damen und Herren,
willkommen zur Wochenschau aus der Welt der Versicherungen. Die 24. Kalenderwoche hatte von der digitalen Souveränität bis zur sentimentalen Rückschau einiges im Gepäck. Schnallen wir uns an.
Die Branche nimmt das Steuer selbst in die Hand
Auf dem BIPRO-Tag feierte der Verein nicht nur sein 20-jähriges Bestehen, er lieferte auch eine strategisch wichtige Nachricht. Der Versicherer bindet sich einmal an den BIPRO-Hub an und hat dann Zugang zu allen angeschlossenen Marktpartnern. Das Entscheidende: Die Plattform gehört nun der Branche selbst, sie wird kostendeckend statt gewinnorientiert betrieben, jede Stimme im Gremium zählt gleich viel, unabhängig von der Unternehmensgröße.
Ich gestehe an dieser Stelle ein wenig Stolz. Die Gothaer, heute als BarmeniaGothaer unterwegs, war vom ersten Tag an starker BIPRO-Partner und unterstützt auch den Hub. Diesen prozessualen Gedanken im Vertriebsdenken früh verankert zu haben, war richtig. Das läuft in die richtige Richtung.
Und doch kommt hier ein ABER von mir. Prozessoptimierung zwischen Versicherer und Makler ist das eine. Aber wir müssen das große Bild auch auf kleinere Maklerbüros übertragen. Auch der Vermittler muss seine eigenen Prozesse in Ordnung bringen, seinen Bestand im Sinne der Haftung und der betriebswirtschaftlichen Vernunft sauber halten. MVP-Systeme, Beratungsstrecken, Maklermandate sind Bestandteile seiner digitalen Welt. Und, Sie ahnen es, in meiner Rolle bei PolicenTransfer auch meine. Aber bevor jetzt die Werbung startet, gehe ich zum nächsten Thema.
Wenn die KI das Maklerbüro infrage stellt
Passend dazu ein Podcast, der mich nachdenklich gemacht hat: „Diese KI-Plattform soll das Maklerbüro komplett umkrempeln". Er handelt vom eigentlichen Nadelöhr im Maklergeschäft, und das liegt nicht im Vertrieb: Makler verbringen zwischen einem Drittel und 80 Prozent ihrer Zeit mit Verwaltung. Moderne Software will kein weiteres MVP-System sein, sondern der Kleber zwischen den Systemen, der die zersplitterte Kommunikation aus E-Mail, WhatsApp, BIPRO und MVP bündelt und mit KI bearbeitbar macht.
Ich will das ausdrücklich nicht als Bedienungsanleitung für Makler verstanden wissen. Aber als Gedankenspiel ist es ausgesprochen wertvoll. Makler sollten ihr Büro, ihre technische Aufstellung und ihre prozessuale Zukunft nicht nur hinterfragen, sondern in Frage stellen. Das klingt härter, als es gemeint ist. Aber die KI stellt jede Veränderung in den Schatten, die unsere Branche bisher erlebt hat.
Die Witwenrente auf dem Prüfstand
Die Wirtschaftsweisen wollen die Witwenrente abschaffen und durch ein verpflichtendes Rentensplitting ersetzen, das die in der Ehe erworbenen Ansprüche gleichmäßig auf beide Partner aufteilt. Begründung: Das Modell passe besser zur heutigen Arbeitswelt und erhöhe die Erwerbsanreize für Zweitverdiener. Die Idee ist nicht neu, freiwillig gibt es das Splitting seit 2002, genutzt wird es von weniger als tausend Paaren im Jahr.
Ich halte mich an meine bewährte Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, solche Verteilungsdebatten politisch zu bewerten. Was mir auffällt, ist etwas anderes. Es kommt einem vor wie Wahlkampf, aber in Wahrheit ist dieser Aktionismus schlicht der Not der Sozialversicherungssysteme und unserer Wirtschaft geschuldet. An jeder Ecke wird gerechnet, umverteilt, gewarnt. Und genau das ist die Chance für die Kundenberatung.
Pflege: Die Reform nimmt Gestalt an
Womit wir bei der Pflege wären, der zweiten Großbaustelle, über die ich Ihnen nun seit Wochen berichte. Nina Warkens Referentenentwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz liegt vor, und die Details haben es in sich. Die Voraussetzungen für die Pflegegrade werden angehoben, es wird also schwerer, Leistungen zu erhalten. Die beitragsfreie Mitversicherung von Familienmitgliedern wird ab 2028 eingeschränkt. Dahinter steht das bekannte Loch: 7,5 Milliarden Euro fehlen schon nächstes Jahr.
Bemerkenswert ist das Statement des PKV-Verbands, das mit gemischten Gefühlen daherkommt. Verbandsdirektor Reuther lobt die eingeleiteten Korrekturen, kritisiert aber scharf die geplante Sonderanhebung der Beitragsbemessungsgrenze und bringt den wunden Punkt auf den Satz: Zusätzliche Einnahmen ersetzen keine Strukturreformen.
So oder so führt die Reform den Kunden vor Augen, dass die gesetzliche Pflege an Grenzen stößt. Für uns bleibt die Botschaft, die ich nicht müde werde zu wiederholen: Pflegezusatz gehört aufs Beratungsprotokoll, lange bevor der Ernstfall eintritt.
Abschied vom Deutschen Ring
Und dann ein Text, der mich erwischt hat. Der ehemalige Versicherungsmanager Alwin Gerlach hat die Geschichte des Deutschen Rings aufgeschrieben, von der Gründung 1923 in Hamburg über den schleichenden Niedergang bis zur Zerschlagung. Wachsende Vertriebsabhängigkeit, die enge Verbindung zur OVB, ein Machtkampf, der 2008 in der Entmachtung von Wolfgang Fauter gipfelte, und am Ende in 2010, die faktische Zerschlagung. 2017 verschwand mit der Verschmelzung der Krankenversicherung auch der letzte eigenständige Rest.
Geht das nur mir so, oder merken auch andere Branchenteilnehmer an solchen Nachrichten das eigene Alter und die Vergänglichkeit des Seins? Wer in Hamburg den Michel sah, sah immer auch das Logo des Deutschen Rings. Und jetzt liest man einen geradezu historisch anmutenden Artikel über den Untergang. Ich habe in der vergangenen Woche an dieser Stelle schon die verschwundenen Marken aufgezählt, Volksfürsorge, Hamburg-Mannheimer und die anderen. Der Deutsche Ring reiht sich ein.
Solvenz der Krankenversicherer: Wichtig, aber nicht alles
Der Map-Report hat die Solvabilitätsquoten der privaten Krankenversicherer veröffentlicht. Die Spannbreite unter den Marktgrößen ist enorm.
Als ehemaliger Manager eines großen Krankenversicherers ist mir der Umgang mit solchen Kennzahlen vertraut, und natürlich muss auch der Vermittler sie im Blick haben. Die Solvabilität ist in Deutschland und Europa das höchste Gut, das wir haben. Aber die Frage sei erlaubt: Ist das die zentrale Aufgabe des Beraters? Ich meine, nein. Seine Aufgabe ist eine deutlich differenziertere. Sie liegt in den absoluten Tiefen der Bedingungswerke, im genauen Abgleich mit den Bedürfnissen des Kunden. Eine Solvenzquote sagt Ihnen, ob der Versicherer übermorgen noch zahlen kann. Ob das Produkt zum Kunden passt, sagt sie Ihnen nicht.
Zum Schluss: Schöne alte Autos
Und weil die Woche so viel Vergänglichkeit im Gepäck hatte, passt eine letzte, versöhnlichere Meldung. Die Zeitschrift Classic Cars hat die günstigsten Oldtimer-Versicherungen durchgerechnet, vom VW Käfer bis zum Jaguar E-Type, mit dem Spezialisten OCC als großem Gewinner.
Auch wenn ich nach den schönen Sonnentagen dieser Woche persönlich eher mit Rennrad und Mountainbike unterwegs bin: Ich weiß schöne alte Autos zu schätzen. Sie wecken Erinnerungen an die eigene Kindheit und berühren damit, Sie merken es, dieselbe Sentimentalität wie weiter oben die untergegangenen Marken. Ich freue mich über den Enthusiasmus der Oldtimer-Fans, die alte Träume am Leben halten. Und dazu gehören eben auch die Berater, die diese Werte schützen, mit der passenden Police, dem Wertgutachten und dem ehrlichen Gespräch. Auch das ist unser Geschäft.
Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Vieles, was vertraut war, verändert sich oder verschwindet. Die Infrastruktur wird neu gebaut, die KI ordnet die Arbeit neu, alte Namen gehen, alte Sicherheiten der Sozialsysteme bröckeln. Was bleibt, ist keine Katastrophe, sondern ein Auftrag. Wer zuhört, rechnet und einordnet, wird gebraucht. Heute mehr denn je.
In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende!
Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.



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