Brüß kommentiert: Die 31. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,

willkommen zum Wochenrückblick der Nachrichten aus der Branche. Die 31. Kalenderwoche hatte von der nüchternen Rentenstatistik bis zur schonungslosen Gründerbeichte einiges im Gepäck, schnallen wir uns an.

Der wohlverdiente Ruhestand: Kein Grund zur Klage

Beginnen wir mit einer Zahl, die zur Abwechslung ohne Alarmglocke daherkommt. Die Deutsche Rentenversicherung hat ihre Statistik „Rente 2025" vorgelegt: Knapp 925.900 Bundesbürger sind im vergangenen Jahr in Altersrente gegangen, im Schnitt mit 64,7 Jahren, ein gutes halbes Jahr später als 2016. Mehr als 60 Prozent traten dabei vorzeitig ihren Ruhestand an.

So sehr uns die Probleme der Sozialversicherung Woche für Woche beschäftigen, eines dürfen wir nicht vergessen: Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, der ein langes Arbeitsleben hinter sich und seinen Ruhestand mehr als verdient hat. Das ist kein Anlass zur Klage, sondern ein Grund zur Freude. Und genau das sollte uns Ansporn sein. Wenn wir den heute Jungen dieselbe Gelassenheit wünschen, müssen wir sie über ihre Möglichkeiten und Optionen beraten. Denn das Umlagesystem wird kaum besser werden. Wer will, dass der Ruhestand auch für die kommenden Generationen ein Grund zur Freude bleibt, sollte das Gespräch nicht auf morgen verschieben.

Die überflüssigen Policen: Manchmal ist der beste Rat ein Nein

Der Bund der Versicherten hat seine Top-Ten der unnötigen Versicherungen vorgelegt. Handy-, Brillen-, Ticket- und Sportgeräteversicherungen, dazu die kapitalbildenden Produkte, alles landet auf der Streichliste. Über den BdV kann man trefflich streiten, aber machen wir uns nichts vor: In diesem Punkt hat der Verband nicht ganz Unrecht. Es gibt Produkte, die man sich wahrlich sparen kann. Eine Handyversicherung, die im Schadenfall nur den Zeitwert erstattet und mit Ausschlüssen gespickt ist, sichert kein existenzielles Risiko ab, sie kostet schlicht Geld. Und das ist das eigentlich Ärgerliche, denn es ist überflüssig. Es gibt in diesem Land genug echten Absicherungsbedarf, bei Arbeitskraft, Gesundheit, Haftung und Vorsorge, um den sich ein guter Berater kümmern sollte. Wer seinem Kunden von einer Kleinstversicherung abrät und dafür die klaffende BU-Lücke schließt, hat mehr für ihn getan als jeder Verkäufer einer Displaygarantie. Manchmal ist der beste Rat ein Nein.

Wefox: Wenn der gefeierte Gründer mit sich selbst abrechnet

Diese Geschichte macht nachdenklich: Wefox, das einstige Vorzeige-InsurTech, das schnellste Unicorn seiner Zeit. Und nun spricht Gründer Julian Teicke im Podcast offen über den Absturz. Aus reinem Ehrgeiz heraus über eine Milliarde eingeworben, das nennt er heute rückblickend seinen größten Fehler. Die Entscheidung für einen eigenen Risikoträger sei ein strategischer Irrweg gewesen, getrieben weniger vom Bedarf des Unternehmens als von der Frage, was gerade bei Investoren gut ankomme. Sein knappes Fazit: Man hätte einfach einen Assekuradeur gründen sollen.

Das ist eine bemerkenswert ehrliche Abrechnung und sie ist lehrreich, gerade mit Blick auf die aktuelle Startup-Szene. Zwei Dinge nehme ich mit. Erstens, eine Versicherungsbilanz folgt nun einmal nicht der Logik margenstarker Software. Wer glaubt, unser Geschäft ließe sich mit reinem Wachstumskapital aus den Angeln heben, unterschätzt, wie sehr Solidität, Kalkulation und regulatorische Substanz den Kern dieser Branche ausmachen. Und zweitens, mir gefällt sein Gedanke vom gesunden Gründer, der die nachhaltigeren Unternehmen baut. Übersetzt in unsere Welt: Wer aus purer Getriebenheit agiert, baut selten etwas, das trägt. Wer aus Überzeugung berät, schon.

Provisionsdebatte: Ein totes Pferd, und wer soll die Arbeit bezahlen?

Und dann, wieder einmal, der Verbraucherschutz mit seinem Lieblingsthema. In Brüssel ist die Sache längst entschieden, ein generelles Provisionsverbot wird es in der EU nicht geben, stattdessen schärfere Transparenzpflichten. In Berlin aber tut man so, als sei die Frage noch offen, und hält per Prüfauftrag im Koalitionsvertrag ein totes Pferd am Leben. Sie kennen meine Regel: Es ist nicht Aufgabe des Vermittlers, eine solche Reform politisch zu bewerten.

Aber ein nüchterner Hinweis sei erlaubt, denn hier passt eine weitere Meldung der Woche wie der Deckel auf den Topf. Das Statistische Bundesamt und die Verbandsumfragen zeigen: Jeder zweite Makler arbeitet bereits heute mindestens 49 Stunden pro Woche. Fast die Hälfte einer ganzen Berufsgruppe an der Grenze der Belastbarkeit. Und genau darin liegt das eigentliche Problem der Debatte. Wer den Zugang zur Beratung erhalten will, gerade für die Normalverdiener, die schon vor einem separat berechneten Honorar zurückschrecken, der muss auch beantworten, wie diese vielen Stunden Arbeit vergütet werden sollen. Die Erfahrungen aus den Niederlanden und Großbritannien sind bekannt: Dort ist die Beratungslücke gewachsen. Ein Verbot löst kein Problem, es schafft ein neues.

AppleCare One: Erweiterte Garantie oder echter Versicherungsgedanke?

Passend zum BdV-Artikel der nutzlosen Versicherungsprodukte noch etwas aus der Welt der schönen Geräte. Apple bringt sein „Versicherungsabo“ AppleCare One nach Deutschland, ab dem 4. August lassen sich bis zu drei Geräte in einem Tarif absichern, auch ältere Hardware darf mit hinein. Unbegrenzte Reparaturen, Batterietausch, Diebstahlschutz, das Ganze für 20,99 Euro im Monat.

Nüchtern betrachtet ist das nicht viel mehr als eine erweiterte Garantie. Interessanter als das Produkt selbst finde ich die Diskussion, die in der Apple-Gemeinde sofort aufflammt: Lohnt sich das? Wann bekomme ich ein neues Display, wann einen neuen Akku und rechnet sich das über die Nutzungsdauer überhaupt? Am Ende, so mein Verdacht, ist das vor allem ein ausgesprochen schlaues Kundenbindungsprogramm, das den Nutzer noch enger an das Ökosystem bindet, und weniger ein Angebot, das dem wahren Versicherungsgedanken entspricht. Denn Versicherung heißt, ein existenzielles Risiko absichern, das man allein nicht tragen kann. Der Verlust eines Smartphones gehört, um den BdV von weiter oben zu bemühen, eher nicht dazu.

Universa: Ein Schreckmoment, und ein Auftrag an uns alle

Zum Schluss eine Nachricht, die in Nürnberg mitten in der Urlaubszeit für erheblichen Stress gesorgt haben dürfte. Bei der Universa hatte während einer Sicherheitslücke der Web-Crawler von OpenAI Kundendaten abgerufen. Die gute Nachricht kam diese Woche: OpenAI hat bestätigt, die Daten weder für das Training genutzt zu haben noch künftig zu nutzen. Die IT-Forensik fand keinen weiteren Zugriff und keine Weitergabe an Dritte. Die Betroffenen können also ein Stück weit aufatmen.

Schadenfreude oder Vorwürfe verbieten sich in der heutigen Zeit von selbst. Schon der kleinste Fehler in der IT kann massive Schäden anrichten und es kann jeden treffen. Der Fall führt uns vielmehr etwas Grundsätzliches vor Augen: Unsere Produkte und unsere gesamte Wertschöpfung entstehen heute fast vollständig in Datenbanken. Wir verwalten Unmengen höchst sensibler Informationen, bis hinein in die Biometrie. Genau deshalb werben wir um nichts anderes als das Vertrauen der Kunden, und dieses Vertrauen ist digital nur so viel wert wie der Schutz, der dahintersteht. Nehmen wir den Vorfall also als das, was er sein sollte: Eine Gelegenheit, einen kritischen und ehrlichen Blick auf die eigene IT zu werfen, bevor es einen selbst erwischt.

Mein Fazit der Woche

Wenn ich diese Woche auf einen Nenner bringe, dann diesen: Der verdiente Ruhestand erinnert daran, wofür wir eigentlich arbeiten, der BdV zeigt, dass der beste Rat manchmal ein Nein ist, der Wefox-Fall lehrt, dass Substanz vor Tempo geht, und die Universa-Panne führt vor Augen, wie zerbrechlich digitales Vertrauen ist. Und ist Ihnen aufgefallen, dass ich in dieser Woche PolicenTransfer mit keiner Silbe erwähnt habe?

In diesem Sinne:
Allen einen guten Start ins Wochenende!

 

Oliver Brüß war über 25 Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzdienstleistungsbranche aktiv. Als Vorstand hat er im Gothaer Konzern und in der Generali Gruppe über insgesamt 17 Jahre wesentliche strategische Ausrichtungen der Unternehmen begleitet und Vertrieb und Marketing verantwortet. Seit 2025 ist Brüß als Investor und Senior Advisor u.a. bei Hypoport InsurTech AG engagiert. Zudem ist er Geschäftsführer und Gesellschafter bei PolicenTransfer, dem digitalen Marktplatz für Versicherungsbestände.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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