Brüß kommentiert: Die 19. Woche im Rückspiegel

Meine Damen und Herren,

willkommen zur wöchentlichen Spritztour durch die Versicherungswelt. Die 19. Kalenderwoche hatte einiges im Gepäck: Hiobsbotschaften aus der Pflege, ein verdienter Konter gegen den öffentlich-rechtlichen Provisionshass, einen brennenden Akku, einen Versicherer, der einen Cyberangriff abgewehrt hat und einen Verband, der 125 Kerzen ausblasen darf. Eine bewegte Woche.

Pflege-Reform: Die nächste Baustelle

Kaum ist das GKV-Sparpaket geschnürt, legt Gesundheitsministerin Nina Warken nach. Die Pflegeversicherung steuert auf ein Sechs-Milliarden-Loch zu. Über zwei Milliarden davon sollen ausgerechnet aus der privaten- in die gesetzliche Pflegeversicherung fließen. Ein Drittel der privaten Beitragseinnahmen, einfach mal so.

Der PKV-Verband sieht eine verfassungswidrige Sonderabgabe und droht mit Karlsruhe. Der vdek nennt den Ausgleich "überfällig". Beide haben aus ihrer Sicht recht. So funktionieren Umverteilungsdebatten.

Was bleibt für die Vermittlerschaft? Zwei Dinge. Erstens: Die GKV-Kassen sind klamm. Daran ändert keine Reform etwas, sie kann es bestenfalls mildern. Zweitens: Wer als Makler heute keine systematische Aufklärung über PKV, Krankenzusatz- und Pflegezusatzversicherungen betreibt, lässt seine Kunden im Regen stehen. Es ist nicht die Aufgabe des Vermittlers, die Reform politisch zu bewerten. Es ist seine Aufgabe, dem Kunden klarzumachen, was diese Reform für seine konkrete Absicherung bedeutet, und welche Lösungen es gibt.

Provisions-Bashing: Endlich antwortet jemand

Die immer gleiche Inszenierung: Eine Sendung vom Hessischen Rundfunk rechnet 100.000 Euro Provisionsverlust vor, empfiehlt den Verbrauchern „do it yourself“, die Tagesschau spielt mit, und am Ende sind wieder die Vermittler die Bösen.

Vertriebscoach Stephan Peters hat gegengerechnet. Im realistischen Szenario liegt die fondsgebundene Police 100.000 Euro über dem Direktdepot, beim Verrentungskapital sogar 145.000 Euro. Der Grund: Vorabpauschale, Transaktionskosten, „Inside-the-Wrapper“-Vorteile im Versicherungsmantel und Halbeinkünfteverfahren kommen in der öffentlich-rechtlichen Modellrechnung schlicht nicht vor. Sein schönster Satz: Den Blinddarm könne man sich theoretisch auch selbst herausnehmen, das spare den Chirurg, sei nur blöd, wenn es schiefgehe.

Die Beratungsqualität in unserer Branche ist dank IDD, Sachkunde und Weiterbildung heute meilenweit von den 90ern entfernt. Dass selbsternannte Verbraucherschützer trotzdem Halbwahrheiten ins Programm spülen, gehört zu den ärgerlichen Konstanten. Das Video von Stephan Peters sollte man sich angucken oder gleich an die Kunden schicken.

69,70 Euro pro Stunde

Destatis hat veröffentlicht, was eine Arbeitsstunde 2025 kostete. Im Schnitt 45 Euro, in der Finanz- und Versicherungsbranche stolze 69,70 Euro. Plus 21,9 Prozent in fünf Jahren.

Als jemand, der lange auf der Arbeitgeberseite saß, sage ich: Diese Zahl kann weh tun. Mehr sag‘ ich jetzt nicht. Aber für Selbständige, also auch für Makler, ergibt sich daraus eine nüchterne Frage: Welche Tätigkeiten erledige ich selbst, welche gebe ich an Spezialisten ab? Auch für erfolgreiche Vermittler gibt es sinnvolle Dienstleistungen die kostbare Arbeitszeit spart. Bestände manuell pflegen, bewerten und übertragen kostet Stunden, die Ihnen niemand bezahlt. Hier ein kleiner Werbeblock: Spezialisierte Anbieter wie Policentransfer können helfen!

IDEAL gegen Akira: Der Griff zum Stecker

Wolfgang Müller von der IDEAL hat auf dem Vertriebsrechtstag erzählt, wie sein Haus im Dezember 2025 einen Ransomware-Angriff der Gruppe Akira abgewehrt hat. Pflichtlektüre, vom Vorstand bis zum Einzelmakler.

Die Pointe: Im entscheidenden Moment hat der Leiter des Rechenzentrums einfach die Internetverbindung gekappt. Befehlsstrom weg, Verschlüsselung abgebrochen, kein Datenabfluss. Müller nennt es im Rückblick die wichtigste Einzelentscheidung der ganzen Abwehr.

Der Rest war Vorbereitung: Bereitschaftsvertrag mit Forensikern, vorab durchgespielte Übung, zweigeteilter Krisenstab, offene Kommunikation. Klingt routiniert, ist es aber nicht. Die Frage ist nicht, ob es Sie treffen kann. Die Frage ist, wie gut Ihr Notfallplan ist. Wenn Sie sich diese Frage gerade ehrlich beantworten, wissen Sie, was zu tun ist.

BU-Rating 2026: Wenig Bewegung an der Spitze

Morgen & Morgen hat das BU-Rating veröffentlicht. 537 von 636 Tarifen bekommen fünf Sterne. Die Statistik am Rande ist spannender als das Ranking: Psyche bleibt mit 32,3 Prozent Hauptursache für Berufsunfähigkeit. 79,9 Prozent aller Anträge laufen ohne Erschwernis durch. Und wenn ein Versicherer im Leistungsfall ablehnt, dann in 40,6 Prozent der Fälle, weil der Kunde sich nicht mehr meldet.

Daraus ergibt sich für den Makler die ewig gleiche Aufgabe: Bestand prüfen. Veraltete Bedingungen, nicht mehr passende Berufsbilder, zu niedrige Versicherungssummen. Und nein, ich erwähne dieses Mal wirklich nicht externe Spezialisten. Ehrlich. Versprochen. Ach, hab ich doch?

Privater Rechtsschutz: Ein Fünftel mit Luft nach oben

Franke und Bornberg legt nach: Beim privaten Rechtsschutz erhalten sechs von zehn Tarifen mindestens "sehr gut". Ein Fünftel kommt aber über "befriedigend" nicht hinaus. Schwächen vor allem bei vorsorglicher Rechtsberatung, Internetrechtsschutz und Arbeitsrecht.

Michael Franke trifft den Punkt: "Wer bei der Auswahl nur auf die Prämie schaut, riskiert im Ernstfall böse Überraschungen." Mit guter Maklersoftware ist der Bedingungsabgleich heute eine Sache von Minuten. Werkzeuge gibt es. Sie wollen nur benutzt werden.

Schlei-Hochwasser: Versicherer muss nicht zahlen

Das Schleswig-Holsteinische OLG hat entschieden: Die Schlei-Überflutung von 2023 war eine Sturmflut, also vom Elementarschadenschutz ausgeschlossen. 800.000 Euro Schaden bleiben an der Klägerin hängen.

Da schlagen, ehrlich gesagt, zwei Herzen in meiner Brust. Auf der einen Seite weiß ich, wie sich der Kunde fühlt, wenn der Versicherer im Schadenfall den Kopf schüttelt. Auf der anderen Seite kenne ich genug Vorstandsrunden, in denen Aktuariat und Schaden dem Vertrieb klargemacht haben, dass das Geschäft auch für den Versicherer auskömmlich sein muss.

Was hilft? Das gute alte Beratungsgespräch. Wer an einer Förde wohnt, gehört nicht ins Massengeschäft, sondern in die individuelle Beratung. Genau das, was der Maklervertrieb am besten kann.

E-Bike-Akku in Flammen: 140.000 Euro Schaden

Ein E-Bike-Akku schwelt nach einem Sturz wochenlang vor sich hin und setzt am Ende einen Carport in Brand. Schaden: 140.000 Euro. Das OLG Oldenburg hat die Mieterin entlastet, sie habe nicht mit dem Brand rechnen müssen.

Juristisch nachvollziehbar. Praktisch trotzdem ein Weckruf. Lithium-Ionen-Akkus in Garagen, Kellern oder Wohnungen sind eine reale Gefahrenquelle, ob E-Bike, E-Scooter oder Bohrmaschine. Die Frage gehört ins Beratungsgespräch: Wo lädt der Kunde, was sagen die Sicherheitshinweise, wie ist Wohngebäude und Hausrat aufgestellt? Vorsorgen ist gut, aufklären ist besser.

Smart Compare: Ganzheitliche Prozesse ohne Systembruch

Smart InsurTech, Tochter der Hypoport, hat den Vergleichsrechner Smart Compare neu aufgesetzt. Alle Privatsparten in einem Workflow, Trennung von Berechnung und Antrag, durchgängig digital bis zur elektronischen Signatur.

Da ich bei der Hypoport InsurTech AG Senior Advisor bin, sei mir der Hinweis gestattet: Mal ausprobieren. Vergleichstechnologie ist Standard, der Unterschied liegt im Prozess. Wer den Test macht, sieht es selbst.

Zum Schluss: 125 Jahre BVK

Gestern feierte der BVK im Berliner Admiralspalast sein 125-jähriges Bestehen. 700 Gäste, Reden von Bundespräsident a. D. Christian Wulff, Thilo Schumacher vom GDV-Präsidium und vielen anderen. Selbst die Direktorenkonferenz des europäischen Vermittlerdachverbands BIPAR hat ihre Tagung dafür nach Berlin verlegt.

Ich habe immer gerne mit dem BVK zusammengearbeitet. Und ich gehöre zu denen, die Michael H. Heinz für einen der profiliertesten Verbandspräsidenten halten, die unsere Branche je hatte. Manche Kollegen behaupten sogar, er sei Gründungsmitglied. Wie dem auch sei: Vom Sieg im Check24-Verfahren bis zum aktuellen Kampf gegen das Altersvorsorgereformgesetz hat er die Stimme der Vermittler dort hörbar gemacht, wo entschieden wird.

125 Jahre Interessenvertretung sind ein Wort. Herzlichen Glückwunsch, lieber BVK. Bleibt streitbar, bleibt unbequem, bleibt wichtig.

In diesem Sinne: Allen einen guten Start ins Wochenende.

Oliver Brüß ist Gesellschafter und Geschäftsführer von PolicenTransfer sowie Senior Advisor bei Hypoport InsurTech AG.

Autor

Redaktionsteam deutsche-versicherungsboerse.de

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