Der BIPRO-Tag 2026 mit rund 400 Anmeldungen stand im Zeichen des 20-jährigen Bestehens des Vereins. Unter dem Motto Jubiläumsedition eröffnete Präsident Frank Schrills die Veranstaltung in der Stadthalle Neuss mit einer Standortbestimmung zwischen Rückblick, Marktanalyse und einem Bekenntnis zur künstlichen Intelligenz. Ausdruck dieser Anpassungsfähigkeit des Vereins ist das aufgefrischte Logo, mit dem BIPRO künftig auch in durchgehenden Großbuchstaben geschrieben wird.
Vom Düsseldorfer Kreis zum Marktstandard
Die Wurzeln reichen bis November 2004 zurück, als sich unter dem Namen Düsseldorfer Kreis eine kleine Gruppe zur Strukturierung von Prozessabläufen im Versicherungsvertrieb traf. Am 9. März 2006 wurde die BIPRO mit dem Ziel gegründet, Geschäftsprozesse durch fachlich-technische Konventionen zu optimieren.
Was den Verein bis heute prägt: Die marktgruppenübergreifende und neutrale Zusammenarbeit von Versicherern, Vermittlern und Dienstleistern und der Fokus auf fachliche Prozesse. Aus der Norm wurde dann sukzessive der heutige Marktstandard. Tagesaktuell sind 329 Unternehmen und Personen Mitglied im Verein.
Ein besonderer Meilenstein des Vereins war neben der neuen Geschäftsstelle in Meerbusch die Gründung der BIPRO Service GmbH. Sie betreibt mit dem BIPRO-Hub eine neutrale Branchendrehscheibe, an der derzeit 26 Unternehmen teilnehmen. Neben der 430er-Norm soll der Hub künftig auch den Stack RNext Schaden anbieten. Zum aktuellen BiPRO-Tag wurden zwei weitere namhafte Marktversicherer gewonnen, deren Namen bis zur feierlichen Verkündung strengstes Marketinggeheimnis bleiben mussten.
Das Erfolgsgeheimnis der BIPRO sind die engagierten Experten in Gremien, Projekten und Arbeitsgruppen, die auch dem BIPRO-Tag den besondern Family-and-Friends-Flair verliehen, häufig von den Teilnehmern auch Klassentreffen genannt.
Und überall die Künstliche Intelligenz
Wie die gesamte Branche steht auch der BIPRO-Tag unter dem Titel der KI. Schrills bezeichnete KI als neue industrielle Revolution, die nicht nur die Branche, sondern die gesamte Gesellschaft verändern werde. Den Chancen stünden erhebliche Herausforderungen gegenüber, von Sorgen um Arbeitsplätze über den hohen Energiebedarf bis zur Frage der Kontrollierbarkeit. Einer These im Markt widersprach Schrills entschieden: Auch mit KI brauche es die BIPRO-Normen. Strukturierte Daten eines Standards helfen den Sprachmodellen erheblich, senken Fehler und Halluzinationen und reduzieren Rechenaufwand und Kosten. Die KI verschiebe BIPRO von der klassischen Schnittstellenlogik in einen erweiterten Normraum, in dem nicht mehr nur Systeme, sondern auch Agenten, Daten, Dokumente und Entscheidungen verbunden werden müssten. Als Anker dafür benannte er das Model Context Protocol (MCP), an dem sich ein BIPRO-Standard reloaded orientieren könne.
Die Praxis bestätigt den Präsidenten
Was Schrills strategisch beschrieb, bestätigte die eine Diskussionsrunde mit Erfahrungen aus den Unternehmen: Die These, KI mache Standards überflüssig, teilte auf dem Podium niemand. Im Gegenteil.
Beim produktiven Nutzen war die Stoßrichtung klar. Sasha Justmann von blau direkt warnte davor, sich auf eine reine Use-Case-Schlacht bei Aufwandstreibern zu beschränken. Der eigentliche Gamechanger liege in der Reduktion von Fehlerquoten und Durchlaufzeiten, denn der beste Prozess sei der, der keine Nacharbeit erzeuge und dem Kunden das Problem tatsächlich löse. Markus Ströbele berichtete von guten Erfahrungen der Allianz mit LLM-gestützter Dokumentation, Wissensdatenbanken und Support-Agenten. André Männicke von Smart InsurTech ordnete die Reife in Stufen: Die isolierten Low-Level-Anwendungen wie Protokollerstellung beherrsche fast jeder, spannend werde es beim Integrieren in digitale Prozessketten und bei agentischen Systemen.
Am konkretesten wurde Lars Fuchs, Vorstand der Domcura. Vor zweieinhalb Jahren habe man dort angesetzt, wo der Schmerz am größten war, am enttäuschten Kundenerlebnis im Schaden. Entscheidend sei gewesen, die Prozesse zuerst komplett zu hinterfragen und zu vereinfachen, BIPRO habe die strukturelle Basis geliefert, erst danach habe der Skaleneffekt gegriffen. Ein Selbstläufer sei das nicht gewesen, sondern eine Lernkurve von rund zwei Jahren. Inzwischen arbeite man sich entlang der Wertschöpfungskette von Schaden über Bestand bis Antrag und Angebot zu einer Service-KI vor.
Warum KI die Standards wichtiger macht
Den Kern der Debatte bildete die Frage nach der Rolle der BIPRO. Michael Kamfor von der BIPRO hielt der Gegenthese entgegen, dass jede Lücke, die durch die KI gefüllt werden müsse, eine Fehlerquelle sei. Was bislang der Mensch ausgeglichen habe, werde mit zunehmend autonom agierenden Maschinen schnell zum größeren Problem. KI zwinge die Branche damit eher dazu, Normen noch schärfer zu fassen.
Kamfor skizzierte für RNext einen evolutionären Weg: Man wolle das BIPRO-Datenmodell semantisch anreichern und explizite Kanäle für Agenten vorsehen. Sein Bild dazu: Das technische Protokoll, etwa MCP, sei vergleichbar mit den Schienen, die man der Open-Source-Community überlassen könne, während der Zug und die semantische Fracht in der Verantwortung der BIPRO blieben. Männicke unterstützte das aus Sicht der digitalen Souveränität: Die über Jahrzehnte aufgebaute Datenverbindlichkeit sei der Nährboden, auf dem agentische Strukturen erst wachsen könnten. KI als Heilsbringer zu verklären, sei töricht.
Es gab auch mahnende Stimmen, man solle keine alten Fehler wiederholen: Standards müssten künftig für Sprachmodelle gebaut werden, nicht für Menschen oder Entwickler. MCP sei gewissermaßen das SOAP der KI, weshalb sich ein Blick auf leichtgewichtigere Alternativen lohne. Zentral sei zudem die Frage der Datenhoheit, also wo Versicherer und Endkunde ihre Daten halten wollten. Diese Fragestellung dürfte erheblichen Einfluss auf den gesamten MVP-Markt haben und zwar sowohl beim Einsatz durch den Vermittler als auch durch den Pool. Denn die Datenhoheit entscheide letztlich darüber, welches System am Ende das „neue Betriebssystem des Maklers" darstelle, wie es blau direkt kürzlich formulierte.



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